Ungewohnte Wege gehen

Die 2. Fachtagung der Jacobs Foundation zum Thema Bildungslandschaft versammelte am 12. September 2014 in Zürich über 200 Fachleute aus Bildung, Praxis und Forschung. Nach der Begrüssung durch Fabienne Vocat und Muriel Langenberger von der Jacobs Foundation widmeten sich wissenschaftliche Referenten verschiedenen Aspekten des Lernens von Kindern und Jugendlichen. In zwei Open Spaces diskutierten die Teilnehmer zudem die sie bewegenden Fragen rund um die Bildungslandschaften der Schweiz.

Referate:

Selbstbild, Lernmotivation und Kultur
Boris Mayer

Chiamale emozioni
Davide Antognazza

Lernen im Schlaf?
Kerstin Hoedlmoser, Ines Wilhelm und Leila Tarokh

Fördern durch Fordern
Ibrahim Ismail

 

Sophia Sessa eröffnet die Tagung

Ein merkwürdig langer Zugang zum Veranstaltungsort, so denkt sich der Besucher auf dem mit roten Pfeilen markierten Weg durch die Parkgarage des Hotel Marriott in Zürich. Vorbei an der Wäscherei, durch einen endlosen, mit Mineralwasserkästen vollgestellten Korridor. Spätestens beim Feuerlöscher nach dem Aufstieg ins 3. UG fällt der Groschen: Aha, der Weg ist das Ziel! Und schon steht der Wanderer im P2, wo ihm ein Apfelsaft zur Rast gereicht wird. Nun nur noch durch die Ausfahrt, hinauf in die Teppichetage des Hotels, durch eine verlassene Bar zur Rolltreppe, die endlich dort mündet, wo man eigentlich von Anfang hin wollte: vor einem langen Tisch, auf dem Namensschildchen und Stapel von Tagungsmappen kundtun, dass man am richtigen Ort angekommen ist.

«Ungewohnte Wege gehen» – selten wurde das Motto einer Tagung so sinnlich erfahrbar wie mit diesem Marsch durch die Eingeweide des Tagungshotels! Ganz in diesem Sinne ist es dann nicht die Tagungsleiterin Fabienne Vocat von der Jacobs Foundation, die die 2 browse this site. Fachtagung zum Thema Bildungslandschaften am 12. September 2014 im Hotel Mariott in Zürich eröffnet. Sondern die 10-jährige Sophia Sessa von der Bildungslandschaft Dübendorf: In perfektem Hochdeutsch erinnert sie an Hand von Fotos aus ihrem Leben an den Grundsatz jeder Bildungslandschaft: Lernen findet nicht nur im formalen Kontext der Schule statt, sondern ebenso im non-formalen des Sportclubs und im informellen von Elternhaus, Freunden und Familie. Und mit ihrer kleinen Gestalt auf der grossen Bühne zeigt Sophia: Im Zentrum einer Bildungslandschaft steht das Kind.

Nach der Begrüssung durch Muriel Langenberger von der Jacobs Foundation – 6,5 Millionen Franken investiert die Stiftung in das Programm «Bildungslandschaften Schweiz» – wird das Tagungsprogramm dann wissenschaftlich. Die meisten Referenten der Tagung sind von der Jacobs Foundation geförderte Young Scholars, die von ihren eigenen Forschungsprojekten berichten.

Boris Mayer vom Institut für Psychologie der Universität Bern erläutert unterschiedliche Lernmotivationen sowie deren Zusammenspiel mit dem Selbstbild und dem kulturellem Hintergrund. Mehr

«Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf» – kommt das vielzitierte Sprichwort tatsächlich aus Afrika und was steckt dahinter? Fabienne Vocat von der Jacobs Foundation referiert die Ausführungen von Solange N’Guessan, Gemeindeorganisatorin in der Elfenbeinküste. Ja, es handelt sich um ein authentisches Sprichwort aus Afrika, lautet die Antwort der Afrikanerin. Es drückt die Überzeugung aus, dass ein Kind der Gemeinschaft gehört, weil es ein Garant für die Zukunft dieser Gemeinschaft darstellt. Doch gilt dies in der heutigen afrikanischen Gesellschaft immer weniger. Mehr

Davide Antognazza, Dozent und Forscher an der Scuola universitaria professionale della Svizzera Italiana (SUPSI) in Locarno, erläutert mit Bezug auf sein Forschungsprogramm «Chiamale emozioni» (Nenn es Gefühle) die Bedeutung des sozialen und emotionalen Lernens. Mehr

Lernen im Schlaf? Die drei Referentinnen Kerstin Hoedlmoser (Universität Salzburg), Ines Wilhelm und Leila Tarokh (beide Universität Zürich) vermitteln die heutigen Erkenntnisse zur Schlafarchitektur im Allgemeinen und zum Verhältnis von Schlafen und Lernen bei Kindern im Besonderen. Mehr

Einen ebenso eindrucksvollen wie praxisnahen Abschluss bietet das Referat von Ibrahim Ismail, Sportpädagoge und Dozent an der Ruhruniversität Bochum: «Förderung durch Forderung» heisst das Konzept, nach dem er mit sozial benachteiligten Jugendlichen arbeitet. Es gehe darum, diesen oft gewaltbereiten jungen Männern einerseits mit harten Forderungen, aber gleichzeitig mit Achtung entgegenzutreten. Mehr

Sowohl am Vormittag wie am Nachmittag wurden die Zuhörer in einem jeweils 40 Minuten dauernden Open Space zu aktiver Teilnahme eingeladen. 170 Fragen zum Thema Bildungslandschaften waren von rund 200 Teilnehmern im Vorfeld eingegangen. Zu 23 Themen gebündelt bildeten diese Fragen nun 23 Stationen, an denen sich die Tagungsteilnehmer gruppenweise zur offenen Diskussion versammelten. Die Anweisung, ohne Traktanden oder Protokolle zu diskutieren, Unerwartetes zuzulassen und entweder als «Hummel» zwischen den Gruppen zu zirkulieren, oder als «Schmetterling» bei der schönsten zu verweilen, wurde gerne befolgt und führte zu regen Gesprächen.
Wie können schulmüde Jugendliche motiviert werden? Wie fördern wir bei Eltern Verständnis für die frühe Sprachförderung, und wie viel davon braucht es für ein fremdsprachig aufwachsendes Kleinkind? Zwei Vormittage in der Spielgruppe, wie in Basel-Stadt für fremdsprachige Kinder obligatorisch, würden jedenfalls bei weitem nicht ausreichen, berichtet eine Teilnehmerin aus dem entsprechenden Programm in Basel. So lebhaft die Gespräche um Wünsche, Visionen und Ideen kreisen – so oft enden sie im grossen Seufzen, wenn das liebe Geld zur Sprache kommt, das überall fehlt.

Damit über gewohnten und ungewohnten Wegen die grundlegenden Merkmale einer Bildungslandschaft nicht in Vergessenheit geraten, erinnerten die drei Schauspielerinnen der «Companie théatrale Überrunter» aus Fribourg die Tagungsteilnehmenden daran. In einer quicklebendigen, akustisch und tänzerisch untermalten Darstellung des Programms «Bildungslandschaften Schweiz» hielten sie zunächst verzweifelt Ausschau nach einem Kind, das schliesslich im Zentrum stehen solle – und fanden es glücklicherweise in Sophia. Spielerisch-humoristisch suchten sie auch nach den übrigen sechs Merkmalen der Bildungslandschaft – nach formalen, non-formalen und informellen Lernwelten, nach Vernetzung, politischem Willen, Zielorientierung, professioneller Gestaltung und Langfristigkeit. Und fanden sie alle – wenn auch in diesem Falle nur als Buchstaben auf Pappkarton.

Kathrin Meier-Rust