Unser Verhalten und unser Wohlbefinden sind von unseren Gefühlen abhängig. Dennoch werden die sozialen und emotionalen Kompetenzen in der Schule nicht explizit gefördert und sind nicht Bestandteil der Lehrerbildung. „Call them emotions“ ist ein Projekt, das hier – auch mit Hilfe eines Chamäleons – neue Wege gehen will.

Die traditionelle Beschulung kann den intellektuellen und moralischen Anforderungen der heutigen Gesellschaft nicht genügen. Die Forschung weist immer drängender darauf hin, dass nicht nur die kognitiven, sondern auch die sozialen und emotionalen Kompetenzen im Bildungssystem gefördert werden müssen. Spätestens wenn wir merken, dass wir unsere Kinder und Jugendlichen befähigen müssen, mit Gruppendruck, Aggressionen, Bullying und überhaupt der Komplexität der heutigen Welt umzugehen, müssen wir die sozialen und emotionalen Kompetenzen berücksichtigen. Zumal die Forschung auch klar belegt hat, dass die schulische und berufliche Leistungsfähigkeit und damit auch die spätere gesellschaftliche Teilhabe stark von den nicht-kognitiven Kompetenzen abhängen.

Was sind soziale und emotionale Kompetenzen?

In Anlehnung an die Definition der Kooperation für akademisches, soziales und emotionales Lernen (www.casel.org) können diese Kompetenzen wie folgt beschrieben werden:

  • Selbstwahrnehmung: Erkennen der eigenen Gefühle, um die eigenen Stärken erkennen und entwickeln zu können.
  • Fremdwahrnehmung: Die Gedanken und Gefühle der anderen erkennen können, um die menschlichen Unterschiede wertschätzen zu können.
  • Selbstmanagement: Die eigenen Gefühle beobachten, einschätzen und regulieren, um prosoziale Ziele zu erreichen.
  • Beziehungsfähigkeit: Gesunde und lohnende Beziehungen aufbauen und aufrecht erhalten können, um die Grundlagen für Zusammenarbeit, Kommunikation, Verhandlungen und Konfliktlösung zu haben und dabei gegen unangemessenen sozialen Druck bestehen zu können.
  • Verantwortungsvolle Entscheidungsfähigkeit: Präzise Einschätzung von Situationen und Einflüssen, um ethisch Problemlösungen zu finden, umzusetzen und zu bewerten im Hinblick auf das eigene Wohlbefinden und dasjenige der anderen.

Es geht also um die eigenen Gefühle und diejenigen der anderen und darum, wie diese miteinander agieren, was sie auslösen und was sie im gesellschaftlichen Gefüge bewirken.

Am Anfang ist das Gefühl

„Wenn wir unsere eigenen Gefühle nicht erkennen können, können wir unser eigenes Verhalten nicht sinnvoll steuern,“ sagt Davide Antognazza, der Leiter des Projekts „Call them emotions“.

Im alltäglichen Leben haben Gefühle wenig Platz. Man sagt oft nicht, wie man sich wirklich fühlt. Aber trotz des geringen Bewusstseins unserer Gefühle sind sie doch immer da und spielen eine wesentliche Rolle in unserem Leben, da sie unsere Gedanken und Handlungen, also unser Wohlbefinden und unser Verhalten massgeblich beeinflussen.

Die schulische Ausbildung ist hauptsächlich auf kognitive, vor allem sprachliche und logisch-mathematische, Fähigkeiten ausgerichtet. Die konsequente Ausbildung in sozialen und emotionalen Fähigkeiten wird bis heute in der Schule vernachlässigt und ist kein Bestandteil der Ausbildung der Lehrpersonen.

Deshalb haben Davide Antognazza und das Projektteam der SUPSI (Scuola universitaria professionale della Svizzera Italiana) sich der Frage gewidmet, wie Kinder in der Schule und zu Hause lernen können, die eigenen Gefühle zu erkennen und soziale und emotionale Kompetenzen besser zu entwickeln.

Als schweizweit und vielleicht sogar weltweit einzigartiges Projekt, wurden 80 Lehrpersonen im Kanton Tessin im Fach „Soziales und Emotionales Lernen“ ausgebildet. Die Ausbildung orientiert sich am PATH© Programm von Prof. Mark Greenberg und Prof. Carol Kusché. Die Lehrpersonen lernten, wie sie mit den Kindern in der Schule über Gefühle und soziale Fähigkeiten sprechen können und wie soziale und emotionale Kompetenzen im Alltag angewendet werden. Sie wurden jedoch nicht nur ausgebildet, sondern auch mittels Coaching im Schulalltag unterstützt. Aus dem Projekt ist ein CAS (Certificate of Advanced Studies) in „Social and Emotional Learning“ entstanden und an der SUPSI wurde ein Kompetenzzentrum für soziales und emotionales Lernen gegründet. Mehr Informationen finden Sie auf http://dfa-blog.supsi.ch/chiamalemozioni/

Auf dieser Internetseite finden Sie auch „Das Spiel vom Chamäleon“ in den vier Landessprachen, das nicht nur in der Schule, sondern auch im Elternhaus gespielt werden kann. Ziel des Spieles ist es, den Spielenden Gelegenheit zu geben inne zu halten, sich gegenseitig zuzuhören und etwas aus der wunderbaren und komplexen Welt der Gefühle zu erzählen. Es geht nicht darum, das Spiel zu gewinnen, sondern darum, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und mit ihnen „gross zu werden“.