Selbstbild, Lernmotivation und Kultur

Boris Mayer von der Universität Bern erläutert zunächst den Zusammenhang zwischen Lernmotivation und Selbstbild. Man unterscheidet ein statisches Selbstbild, das eigene Fähigkeiten als angeboren und damit unveränderbar begreift, von einem dynamischen Selbstbild, das davon ausgeht, dass eigene Fähigkeiten durch Anstrengung verbessert werden können. Kinder sollten deshalb nicht für ihre Leistungen, sondern für Anstrengung und Beharrlichkeit gelobt werden. Mayer stellt diese Befunde in den Kontext seiner kulturvergleichenden Forschung: Menschen in den westlichen Kulturen mit ihrem Fokus auf einem unabhängigen Individuum neigen eher zu einem statischen Selbstbild, während nicht-westliche Kulturen mit ihrer Forderung nach Anpassung des Einzelnen an die Erfordernisse der Umgebung eher ein dynamisches Selbstbild begünstigen.

Boris Mayer vom Psychologischen Institut der Universität Bern präsentiert zunächst die Erkenntnisse zur Lernmotivation der Psychologin Carol Dweck von der Universität Standford in Kalifornien, die das Thema über 30 Jahre erforscht hat. Lernmotivation hängt laut Carol Dweck stark mit dem Selbstbild eines Menschen zusammen. Bei diesem lassen sich zwei Varianten unterscheiden: Dem statischen Selbstbild liegt die Überzeugung zu Grunde, dass ich ein Mensch mit bestimmten Charakterzügen, Talenten und Neigungen bin, die sich kaum ändern lassen, da sie angeboren sind. Schüler mit statischem Selbstbild gehen deshalb tendenziell davon aus, dass Schwierigkeiten beim Lernen die Grenzen der eigenen Fähigkeiten anzeigen. Auf Misserfolge reagieren sie, indem schwierige Aufgaben eher vermieden oder abgewertet werden: Mathe brauche ich in meinem späteren Leben sowieso nicht.

Menschen mit einem dynamischen Selbstbild gehen dagegen davon aus, dass sich ihre Fähigkeiten, und selbst ihre Intelligenz, durch Lernen entscheidend verbessern lassen, auch und gerade wenn dies Anstrengung erfordert. Solche Menschen werden durch Schwierigkeiten und Misserfolge eher dazu angespornt, ihre Anstrengungen zu erhöhen.

Die Tatsache, dass erfolgreiche Menschen Anstrengung als etwas Positives sehen, Beharrlichkeit bei Misserfolgen zeigen und gerne Neues lernen, wird mit gängigen Meinungen erklärt, die sich oft als falsch erweisen. Zum Beispiel die Idee, dass besonders begabte Schüler Herausforderungen geniessen und darum besonders beharrlich seien. In Wahrheit neigen aber gerade begabte Schüler zu einem statischen Selbstbild und leiden deshalb oft unter Versagensängsten. Nicht richtig ist auch die Idee, dass das Vertrauen eines Kindes in seine Intelligenz der Schlüssel zum Erfolg sei und dass es deshalb sinnvoll sei, Kinder für ihre Intelligenz und ihren schulischen Erfolg zu loben. Gerade schulischer Erfolg kann aber auch dazu führen, dass man keine weiteren Anstrengungen für nötig hält, und gerade für ihre Intelligenz gelobte Menschen mögen es oft gar nicht, wenn ihre Fähigkeiten wirklich herausgefordert und geprüft werden.

Natürlich sei Lob an sich nicht schlecht, meint Carol Dweck – eine unerschütterliche Wertschätzung des Kindes bleibt eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Selbstsicherheit. Es komme jedoch auf die Art des Lobes an. Lob für Intelligenz oder Talent bezieht sich meist auf Dinge, die ein Kind relativ mühelos erreicht hat – und führt damit oft auch dazu, dass Kinder Versagensangst entwickeln, wenn ihnen einmal etwas nicht gelingt. Lob für eine bestimmte Leistung hat deshalb nur sehr kurzfristig Einfluss auf das Selbstvertrauen.

Ganz anders wenn ein Kind für seine Anstrengung und seine Beharrlichkeit gelobt und dadurch zum durchhalten angespornt wird. Wirkliches Selbstvertrauen kann nämlich nicht von aussen vermittelt werden, sondern speist sich aus der Erfahrung, dass man Schwierigkeiten und Misserfolge überwinden kann.

Dweck hat die direkten Auswirkung der beiden unterschiedlicher Arten von Loben in einer Studie nachgewiesen. Schüler einer 5.Klasse erhielten zunächst relativ leichte Aufgaben. Danach wurde ein Teil der Schüler für ihre Intelligenz gelobt, der andere Teil dagegen für ihre Anstrengung. Die für ihre Intelligenz gelobten Kinder zeigten daraufhin (bei einer entsprechenden Befragung) eher ein statisches, die für den Lernprozess gelobten dagegen ein dynamischeres Selbstbild.
Als nächstes durften die Schüler wählen, entweder an einer leichten oder an einer schwierigen Aufgabe weiterzuarbeiten. Die für ihre Intelligenz gelobten entschieden sich eher für die leichte, die anderen eher für die schwierigere. Danach sollten alle Kinder einige für ihr Alter eigentlich zu schwierige Aufgaben lösen. Viele der für ihre Intelligenz gelobten Schüler verloren sehr schnell die Lust, während die für die Anstrengung gelobten Kinder zuversichtlich blieben und weiterarbeiteten. Selbst als in einer letzten Runde wieder leichtere Aufgaben kamen, zeigte sich dieser Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Ein eher statisches oder eher dynamisches Selbstbildmit samt der daraus folgenden Lernmotivation konnte mithin allein durch die Art des Lobes erzeugt werden!

Carol Dweck hält es deshalb für wichtig, Kindern den Wert von Anstrengung zu vermitteln. Sie hält Selbstbilder auch langfristig für veränderbar und ist überzeugt, dass ein statische Auffassung der eigenen Schwächen und der eigene Intelligenz letztlich schädlich sind.

Diese Ergebnisse stellt Boris Mayer nun in sein eigentliches Forschungsgebiet der kulturvergleichenden Psychologie. Gibt es kulturelle Merkmale, die die Herausbildung unterschiedlicher Selbstbilder begünstigen?
Kulturvergleichende Studien unterscheiden Kulturen der Independenz (Unabhängigkeit) von jenen der Interdependenz (wechselseitiger Abhängigkeit). Unsere westliche Kultur, die den einzelnen Menschen als unabhängiges Individuum mit festen Eigenschaften sieht, neigt zu einem statischen Selbstbild. Nicht-westliche Kulturen, die vom Individuum vor allem Anpassung an die Anforderungen von Familie, Schule, Firma usw. fordern, betonen dadurch auch die Veränderbarkeit des einzelnen Menschen und seines Verhaltens. Im schulischen Umfeld bedeute das eine hohe Bewertung von Anpassung an die Leistungsanforderungen von Lehrern oder Eltern, während in westlichen Kulturen die Förderung individueller Talente im Zentrum steht.

Auch bei der Sicht auf die Welt lassen sich kulturelle Unterschiede erkennen. Während in der westlichen Kultur die Welt (im Unterschied zum Individuum) eher als veränderbar gesehen wird, gilt sie in nicht-westlichen Kulturen eher als unveränderbar, weshalb das Individuum sich ihren Anforderungen ja auch anpassen soll. Im westlichen Fall steht also ein eher statisches Selbstbild einem dynamischen Weltbild gegenüber, in nicht-westlichen Kulturkreisen dagegen ein eher dynamisches Selbstbild einem eher statischen Weltbild.
In seiner von der Jacobs Foundation geförderten Studie hat Mayer mit seinem Team 400 junge Erwachsene im Alter von 18 – 26 Jahren aus den vier Ländern Schweiz, USA, Indien und China auf ihr Selbstbild hin untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass junge Erwachsene aus Indien tatsächlich eine weniger statisches Selbstbild aufwiesen als diejenigen der westlichen Länder (Für China konnte dieser Unterschied nicht dokumentiert werden). Schweizer und US-Studierende wollten sich zudem eher selbst durchsetzen und nicht an soziale Situation anpassen, während ihren indischen und chinesischen Altersgenossen die flexiblen Anpassung an verschiedene sozialen Umstände wichtig erscheint.
Die starke Betonung des Individualismus im westlichen Kulturkreis kann also vermutlich ein dynamisches Selbstbild untergraben, wie sich in einer Studie aus den USA zeigte: Amerikanische und japanische Studierende sollten eine schwierige Computeraufgabe lösen. Erhielten die Amerikaner eine negative Rückmeldung, stellten sie ihre Bemühungen bald ein, nach einer positiven Rückmeldung verstärkten sie diese jedoch. Die Japaner verhielten sich im selben Setting genau umgekehrt: bei einer negativen Rückmeldung zu ihrer Leistung gaben sie sich noch mehr Mühe. Während die Amerikaner durch Misserfolg entmutigt wurden, sahen die Japaner also gerade den Misserfolg als eine Herausforderung an. Boris Mayer interpretiert dieses japanische Verhalten als Ausdruck eines dynamischen Selbstbildes in einer Kultur der Anpassung.
Für Eltern und Lehrer lässt sich aus dem Dargestellten folgender Rat ableiten: Es gilt mehr Wert zu legen auf die Vermittlung eines dynamischen Selbstbildes, auf die altmodische Tugenden der Anstrengung und Beharrlichkeit, indem Schüler weniger für ihre Leistung und stärker für ihre Anstrengung gelobt werden.

Kathrin Meier-Rust