Die Vision einer gemeinsamen Haltung

Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, erläutert die Merkmale des erfolgreichen Lehrers, wie sie aus den Untersuchungen von John Hattie hervorgehen: Entscheidend für den Lernerfolg der Schüler ist die Haltung einer Lehrperson. Nicht weniger wichtig ist aber auch die Haltung der Eltern und der Lernenden selbst zum Lernen. Es gilt deshalb eine allen gemeinsame Haltung zum Lernen zu entwickeln.

Während schlechte Lehrer meist längst vergessen sind, erinnern wir uns alle an jene zwei oder drei Lehrpersonen, die uns damals beeindruckt und weitergebracht haben. Es gibt sie also überall, diese guten Lehrerinnen und Lehrer, sagt Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Doch was ist es genau, das sie richtig machen?

Nicht sosehr, was wir tun, und auch nicht wie wir etwas tun, sei entscheidend. Ausschlaggebend für den Erfolg sei vielmehr, warum wir etwas tun. Zu dieser Erkenntnis kommt sowohl der weltweit erfolgreiche Unternehmensberater Simon Sinek in seinen berühmten TED-Talks als auch der Begabungsforscher Howard Gardener. Das „warum“ – also Motivation und Selbstreflexion, die Ethik einer Handlung – entscheidet über den Erfolg. Klaus Zierer nennt diese Grundeinstellung die Haltung, die wir einer Sache gegenüber einnehmen.

Wie zentral die Haltung auch im Bereich der Schule und des Lernens ist, hat der australische Bildungsforscher John Hattie in seiner bahnbrechenden, ganz auf empirische Evidenz gestützten Meta-Analyse gezeigt. Über insgesamt 80 000 Studien zum Lernen suchte er nach jenen Faktoren, die eine überdurchschnittlich grosse Wirkung auf das Lernen von Schülern haben. Seine Grunderkenntnis lautet: weder die Struktur einer Schule, noch die fachliche Kompetenz oder Methode einer Lehrperson, weder Klassengrösse noch TV-Konsum ist entscheidend. Der wirkungsvollste Faktor ist vielmehr die Haltung (mind-frame) einer Lehrperson. Lernen als harte Arbeit verstehen, das eigene Tun reflektieren, bewusst Herausforderungen und Ziele setzen, die Leistung von Schülern als Rückmeldung für die eigene Arbeit versteht – all dies sind Elemente jener Haltung, die zum Lernerfolg führt.

Nun passiert Bildung aber, wie wir wissen, keineswegs nur in der Schule. Auch das Elternhaus ist für die Bildungslaufbahn eines Kindes entscheidend. Es geht also auch um die Haltung der Eltern. So werden etwa Kinder in bildungsfernen Milieus beim Lernen siebenmal weniger ermutigt, dafür doppelt so oft entmutigt wie in bildungsnahen Milieus. Eltern müssen heute um ihre Verantwortung wissen, und es ist unsere Pflicht, ihnen dies klarzumachen, sagt Klaus Zierer.

Und schliesslich geht es auch bei den Schülern und Schülerinnen selbst um Haltung. Sie müssen verstehen, dass Lernen anstrengend ist und dass Anstrengung selbstverständlich sein muss. Dass es normal ist, Fehler zu machen, denn Fehler sind ein Motor des Lernens. Das es darum geht, zu üben und nochmals zu üben. Ob in Schule oder Bildungslandschaft: diese Grundhaltung zum Lernen sollte deshalb immer wieder thematisiert werden.

Gerade angesichts der grossen Herausforderungen, die auf die zukünftige Generation zukommen,  hält Klaus Zierer es für überaus wichtig, dass Lehrpersonen, ausserschulische Bildungsakteure, Eltern und Schüler eine gemeinsame Haltung entwickeln und damit die Leidenschaft fürs Lernen anfachen.

Kathrin Meier-Rust