Jeder Übergang ist eine Entwicklungsaufgabe

Wilfried Griebel, Diplom-Psychologe am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München, erläutert in seinem Referat „Übergänge gemeinsam gestalten“ die Erkenntnisse aus der psychologischen Transitionsforschung. Übergänge gehen mit grossen Veränderungen von Alltags- und Rollengewohnheiten einher und lösen daher Emotionen aus. Gute Information und Kooperation zwischen Krippe/Kindergarten einerseits und Schule andererseits stärkt Kinder und Eltern.

Ob es zum Sprung über den Bach ansetzt oder sich ängstlich am Brückengeländer festhält –  jedes Kind bewältigt Übergänge individuell. Ebenso verschieden sind die strukturellen Bedingungen zum Übergang vom Vorschulbereich in den Pflichtschulbereich, wie ein kurzer Blick in die OECD-Statistik zum Schuleintrittsalter zeigt: während in Ungarn die Schulpflicht mit 3 Jahren beginnt, werden schwedische Kinder erst mit 7 schulpflichtig.

Wilfried Griebel betrachtet den Übergang von Familie und Krippe in den Kindergarten und vom Kindergarten in die Schule aus psychologischer Perspektive und im Zusammenhang mit der Familienentwicklung. Auch Erkenntnisse aus der Stressforschung sind dabei wichtig, da Veränderungen oft mit einer Überforderung einhergehen.  „Ein Schulkind werden ist für ein Kind ein ganz wichtiges Lebensereignis, und Eltern eines Schulkindes werden ist das auch“ – sagt Griebel.

Eine Befragungen von 750 Eltern zum Schuleintritt ihres Kindes bestätigt Griebels Aussage: Die meisten Eltern fanden das Ereignis bedeutend, da es Anpassung erfordere und viele Veränderungen mit sich bringe. Nicht umsonst werde dieser Übergang deshalb in vielen Kulturen von Ritualen und Symbolen begleitet – etwa mit der übergrossen Schultüte, welche die Erstklässler in Deutschland am ersten Schultag erhalten.

Das Transitionsmodell von Wilfried Griebel sieht deshalb den Übergang als eine Entwicklungsaufgabe – sowohl für das Kind als auch für seine Eltern. Eine neue Tagesstruktur und Umgebung, neue Freunde und Lehrkräfte lösen Emotionen aus: Freude und Stolz ebenso wie Angst und Unsicherheit. Dazu kommt ein neues Rollenverständnis: die Erwartungen an ein Schulkind sind höher. Entsprechend wächst auch die Verantwortung der Eltern, die mit dem Schuleintritt gleichzeitig einen Machtverlust erfahren. „Es handelt sich also um eine sehr komplexe Situation mit hohen Anforderungen an Kinder und ihre Eltern“.

Nicht nur seine eigene Befragung, auch viele weitere Studien zeigen, wie wichtig deshalb nicht nur Informationen, sondern auch der direkte Kontakt ist, und zwar für Kinder und Eltern. Ein Besuch der neuen Schule vor dem Übertritt etwa, oder das Kennenlernen der zukünftigen Lehrpersonen. Als besonders wirksam hat sich die Übergabe eines Bildungs- und Wachstums Portfolio aus dem Kindergarten in die Schule erwiesen. Gelingende Übergänge zeichnen sich dadurch aus, dass Kinder in ihrem Wohlbefinden, ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Motivation gestärkt werden, lautet Griebels Fazit. Und dass sie dadurch im ersten Schuljahr bessere Leistungen erbringen, wie seine Studien ebenfalls beweisen können.

Kathrin Meier-Rust