Nenn es Gefühle!

Davide Antognazza von der Pädagogischen Hochschule in Locarno berichtet von seinen Erkenntnissen zum sozialen und emotionalen Lernen (SEL) im Kanton Tessin. Kinder sollen schon in Kindergarten und Primarschule lernen, ihre eigenen Gefühle zu benennen und darüber zu sprechen. Dies führt dies nicht nur zu einem besseren Umgang mit eigenen Emotionen, sondern auch zu positiven Sozialkontakten, Lernmotivation und verantwortungsvollem Verhalten.

Davide Antognazza von der Scuola universitaria professionale della Svizzera Italiana (SUPSI) in Locarno geht davon aus, dass Schule und Bildungssystem mit ihrer starken Betonung von kognitiven Lernzielen die Bedeutung von Gefühlen oft verkenne. Und doch seien es gerade die Emotionen, die die sozialen Kontakte, die Lernmotivation, das Wohlbefinden und damit auch das erfolgreiche Lernen von Kindern entscheidend mitbestimmen.

Das soziale und emotionale Lernen (social and emotional learning = SEL), dem Davide Antognazzas Forschungsprojekt „Call dem Emotions“ (Nenn es Gefühle)  gilt, soll daher nicht nur die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen und zu steuern stärken, sondern damit auch zu positiven sozialen Kontakten und zu verantwortungsvollem Verhalten führen.

In einem ersten Schritt geht es bei SEL darum, die eigenen, aber auch die  Gefühle anderer, zu erkennen und zu verstehen. Als zweites sollen diese Emotionen richtig benannt werden können um sie dann in einem letzten Schritt auch steuern zu können: „Emotionale Intelligenz besteht darin, der Emotion einen Namen zu geben um sie zu managen“.  Im Klassenzimmer kann dieser Lernprozess dadurch angeregt werden, dass Kinder ihre Gefühle aufschreiben und an einen grossen „Gefühlsbaum“ hängen,  oder dass sie zum Beispiel eine Liste möglicher Ängste erstellen – Angst vor Skeletten, vor Geistern, vor Dunkelheit, vor dem alleine sein oder vor dem sich verirren – über die dann gesprochen werden kann. Wichtig sei, dass schon in Kindergarten und Primarschule mit dem sozialen und emotionalen Lernen begonnen werde. Gefühle wie Wut, Angst oder Trauer sollen dabei nie bewertet oder gar abgewertet werden, es gilt vielmehr sie wahrzunehmen und auszusprechen. „Es ist keineswegs selbstverständlich, darüber zu sprechen wie man sich fühlt – es muss gelernt werden“, sagt Davide Antognazza.

Verschiedene Versuche in Tessiner Schulklassen haben  gezeigt, dass SEL am wirkungsvollsten zunächst in eigens dafür reservierten Gefässen unterrichtet wird, um dann später die erworbenen Fähigkeiten generell in den Unterricht einfliessen zu lassen.  Der  SEL-Unterricht zeigt klar messbare Wirkung: die Schüler verfügen sowohl über den nötigen Wortschatz wie über Strategien für ihre Gefühle, Lehrpersonen nehmen emotionale Stimmungen besser war, und zwar jene einzelner Schülern als auch der ganzen Klasse,  und vermögen adäquat darauf zu reagieren. Antognazza hat einen Kurs zum sozialen und emotionalen Lernen entwickelt, der heute im Rahmen der regulären Ausbildung von Kindergarten- und Primarlehrpersonen im Kanton Tessin obligatorisch ist.

Für die persönliche Gefühls-Weiterbildung hat Antognazzas Team zudem eine App entwickelt: „Being Here“ (kostenlos) verhilft mit Fragen zur aktuellen Stimmung dazu, sich der eigenen Gefühle besser bewusst zu werden. Er verwende das App auch mit Gewinn,  um die aktuellen Gefühle seiner Studierenden während seiner Vorlesung zu erfahren.

„Wir werden zwar alle mit Gefühlen geboren, doch die Fähigkeit, sie zu steuern müssen wir lernen. Denn wenn wir unsere Gefühle nicht steuern können, so steuern sie uns“ – lautet das Fazit von Davide Antognazza.

Im Anschluss an das Referat stellt Fabienne Vocat der 10jährige Sophia Sessa die Frage: „Sprecht Ihr in der Schule über Gefühle? „Eigentlich nur in der Schulsozialarbeit“, antwortet Sophia, „wenn man irgendwie unglücklich ist, kann man dort hingehen und sie helfen dann, die Probleme zu lösen.“  Mit anderen Worten: Emotionen haben in der Schule selbst keinen Platz und werden deshalb an die Sozialarbeit delegiert. Der kleine Praxistest offenbart die Dringlichkeit von Davide Antognazzas Plädoyer für das soziale und emotionale Lernen in der Schule.

Kathrin Meier-Rust