Lernort Museum – Vermittlung im Johann Jacobs Museum, ZH

 

Seit kurzem hat das Johann Jacobs Museum (JJM) einen eigenen Vermittlungsbereich. Das Programm richtet sich an unterschiedliche Adressat*innen. Als Teil der Jacobs Stiftung hat sich auch das Museum der Förderung junger Menschen verschrieben Worin diese Förderung genau liegen soll, das sollen die jungen Menschen in der Vermittlung des Museums künftig selbst mitentscheiden können und sich das Museum als Lernort erschliessen. In diesem Sinne sind insbesondere Schulklassen herzlich eingeladen mitzumachen.

 

In der heute eher ungeliebten Prägung des 19.Jahrhunderts, waren Museen häufig Orte der Belehrung und es war entlang der sozialen und ökonomischen Möglichkeiten klar, wer hier wen belehrt und wer belehrt wird. Die Tendenz der anno dazumal gegründeten Institutionen nun, in unserer Zeit, in Gefallsucht allein um Aufmerksamkeit zu heischen, ist allerdings nicht minder problematisch.

Mit der Neukonzeption des Johann Jacobs Museums ist eine Art Laboratorium entstanden, welches die globalen Handelswege samt ihrer künstlerischen Ablagerungen und gesellschaftlichen Wechselwirkungen zu erforschen und darzustellen sucht. Dabei geht es weniger darum, was das Museum dazu zu sagen hat, sondern vielmehr darum, wie die machtvolle Trennung zwischen Publika und Institution Museum verändert und das Museum zum intellektuellen Werkzeugkasten oder auch sinnlichen Instrument seiner Besucher*innen werden kann.

Der Vermittlung des Hauses stellt sich nun die Frage, wie sie möglichst Kinder und Jugendliche «aller» sozialer und ökonomischer Herkünfte erreichen kann und auf welche Weise diese Gelegenheit bekommen können, selbstständig zu entscheiden, ob und wie sie jetzt und künftig das Museum nutzen wollen.

Schulklassen sind wiederum eine Institution über die gewiss ist, dass jedes Kind und jed*er Jugendliche in der Schweiz sie obligatorisch besucht. Somit wäre sich ja dem Interesse des Museums nach Vielheit und sozialer Gerechtigkeit im eigenen Haus angenähert, fänden sich eine Hand voll interessierter Klassen. Deren Lehr*erinnen müssten dann mutig genug sein, längerfristig mit dem Museum zusammenzuarbeiten, um die Freiräume auszukundschaften, die das Museum bieten kann: Raum und Zeit Dinge zu entwickeln- Und dabei sich gemeinsam mit der Vermittlung auf die Suche begeben, was die Kinder und Jugendlichen selbst in solch eine Institution hineintragen wollen und welche sinnvollen und sinnstiftenden Spuren sie dort hinterlassen können. Dies bedeutet auch immer wieder Umwege zu nehmen und Dinge auszuhandeln. Im Kleinen kann das zum Beispiel sein, wenn bei der Schoko-Oper (vergangenen Sommer) eine Person unbedingt ihren traditionellen Tanz vom indischen Subkontinent vorführen wollte, obwohl das in der Schokogeschichte keinen Platz hatte, und dann kam die Gruppe gemeinsam auf die Idee, dass Kolumbus ja dachte, er sei in Indien angelangt. Et voilà, da hatte der Tanz seinen Platz im Museum erobert!

Im Grossen, das heisst auf die ganze längerfristige Zusammenarbeit bezogen, wird freilich das Aushandeln der allgemeinen Bedingungen der Zusammenarbeit erforderlich sein. Zum Beispiel wäre denkbar, dass das Verhandlungsergebnis ist, dass Schü*lerinnen ein fortlaufendes Magazin gestalten: kreativ schreiben, (Gegenwarts-)Geschichte recherchieren, Interviews führen, Bildstrecken verwirklichen, welche ausgehend von den Ausstellungen zu eigenen Interessen erarbeitet werden sollen- im Museum, in der Schule und ausserhalb, vielleicht auch, neben der Vermittlung, zusammen mit Künstler*innen und Auto*rinnen.

Damit sich nun Museum und Schulklassen zunächst mal finden können und eine gute Basis für solche Aushandlungen und längerfristige Zusammenarbeiten entsteht, hat sich die Vermittlung für den Anfang, sozusagen für den Erstkontakt, einige Workshop-Programme ausgedacht. Sie bestehen aus dialogischen Führungen entlang der aktuellen Ausstellungen und den Sammlungen des JJMs sowie Workshops, in denen gestalterische Zugänge möglich sind. Die beiden Themenstränge sind:

 

  1. In die Ferne schweifen? -Die Schweiz und der (post-)koloniale Blick

Im 19. Jahrhundert wanderten auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben viele Menschen aus der Schweiz in ferne Länder -Kolonien. Manche blieben dort, andere kamen zurück -manchmal als gemachte Geschäftsmänner, wie so einige Villen im Zürcher Seefeld bezeugen. Die meisten erzählten oder schrieben ihren Verwandten und Bekannten in den Kindheitsorten von ihren Erlebnissen an den Orten des boomenden Handels – so zum Beispiel von den Kaffeeplantagen in Sumatra und den Kakaoplantagen in Brasilien. Die Geschichten, welche erzählt wurden, und die Begründungen für die jeweils eigene Position in diesen weltweiten Handelsgeflechten, hatten bemerkenswerter Weise damals wie heute viel mit den gesellschaftlichen Zusammenhängen der Erzähler*innen und ihrer Zuhör*erinnen zu tun. Die Bilder der Werbung und so manch eine Urlaubsfotografie bedienen sich auch in unserer Zeit gerne dieser Geschichten, die da in bunten Farben gemalt wurden. Und sie tun dies nicht nur im sentimental verklärtem Rückblick, sondern gerade auch in Bezug auf die augenblicklichen Verflechtungen im wirtschaftlichen und innenpolitischen Gefüge.

In Anlehnung an die Ausstellung «Terras do sem fim» von Gonzalo Diaz, soll es in diesem Workshop darum gehen, was uns konkrete Bilder aus dem Alltag zu diesen Zusammenhängen erzählen. Auch, was es zu bedeuten hat, wenn im Rohstoffhandelsland Schweiz der Braunbär in der Waschmittelwerbung weiss wird. Und wir gehen der Frage nach, was eigentlich noch erzählt werden könnte – in Anbetracht unserer transkulturellen Alltagswelt, die viele verschiedene Expertisen für die Geschichte und Gegenwart der globalen Verflechtungen bereithält.

 

  1. Globale Handelsbeziehungen auf den Kaffeetafeln damals und heute

An den Innenwänden des grossen Salons im Johann Jacobs Museum reiht sich ein Fries aus Porzellanfiguren, Tässchen, Kannen und anderem Material zur Kaffeeherstellung und -genuss aus rund 400 Jahren. Hübsch sind viele, manche auch kurios, und dekorativ angeordnet sind sie – aber bei weitem nicht nur das. Was stellen indische Muster auf französischem Porzellan des 18. Jahrhunderts noch dar, ausser einer hübschen Verzierung? Über was wurde da eigentlich an der königlichen Kaffeetafel parliert, wenn die Porzellanfigur gut gekleidete, versklavte Bedienstete beim Servieren von heisser Schokolade zeigen? Im Workshop wir der Frage nachgegangen, inwiefern sich globaler Rohstoffhandel und seine machtvollen Verstrickungen in Vergangenheit und Gegenwart anhand von Kaffee-Servicen und Teekannen aufzeigen lassen. Was bedeutet vor diesem Hintergrund ein informierter Umgang mit den Lebensmitteln Kakao, Kaffee oder Tee in unserem Alltag? Wir versuchen uns Werkzeuge zurechtzulegen, um unsere komplexen Verstrickungen mit der Globalisierung ein bisschen besser zu überblicken.

 

In den Workshops können neben gestalterischen und künstlerischen Methoden auf Wunsch auch Methoden des Theaters der Unterdrückten von Augusto Boal einen Aktionsrahmen bilden. In jedem Fall wird die Einbindung der Interessen der Schülerin*nen massgeblich für die Zusammenkünfte. Denn nur dann können für das Museum selbst wie für die Schüler*innen auch über das Museum hinaus relevante Lernerfahrungen und neues Wissen generiert werden.

Mehr Informationen zu den Führungen und Workshops finden Sie in Kürze in der Homepagerubrik Lernen. Sollten Sie bereits jetzt Interesse an einer längerfristigen Zusammenarbeit haben, können sie gerne die Vermittlung unter camilla.franz@johannjacobs.com kontaktieren. Wir sind offen für Fragen, Anregungen und Ideenvorschläge für gemeinsame Kooperationsprojekte.