Fördern durch Fordern

Der Sportpädagoge und Dozent Ibrahim Ismail erzählt von seiner Arbeit mit sozial benachteiligten und gewaltbereiten Jugendlichen. Es gelte dabei zunächst zu erkennen, wo diese Jugendlichen wirklich stehen – um sie dann mit Achtung an Stelle von Stigmatisierung herausfordern zu können. Ismail beruft sich auf die Gedanken grosser Philosophen und Psychologen, insbesondere auf das Konzept der Förderung durch Forderung des sowjetischen Pädagogen Anton Makarenko.

Ibrahim Ismail ist Sportpädagoge und Dozent an der Ruhruniversität Bochum. Als Direktor des Vereins Paidaia e.V. arbeitet er in Wuppertal und anderen Städten seit Jahren mit benachteiligten Jugendlichen. Sein mitreissendes Referat verbindet zwei sehr verschiedene Welten: einerseits die der praktischen Erfahrung des Sozialarbeiters und andererseits die Welt der grossen Denker von Immanuel Kant bis Jean Paul Sartre, deren Gedanken zu Bildung und Erziehung für Ismail, der sich selbst als Hobbyphilosoph bezeichnet, ein wichtiger ideeller Anstoss für die praktische Arbeit darstellt.

Ismail geht von der existenziellen Grundsituation des Menschen aus: Was braucht der Mensch zu seinem Glück? Aus dem paradiesischen Zustand des fraglosen Einsseins mit der Natur vertrieben, sind Menschen zur individualistischen Existenz verdammt. Um dieses Getrenntsein von der Natur zu überwinden brauchen Menschen – hier bezieht sich Ismail auf den Psychologen Erich Fromm – einen festen Bezugsrahmen und einen Ort der Hingabe: nur indem er produktiv tätig ist und seine Leidenschaften lebt, kann der Mensch eine Verbindung zwischen dem Ich und der Welt herstellen.

Mit dem Beispiel des 16jährigen Fatih illustriert Ibrahim Ismail die Herausforderungen seiner Arbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen. Er hatte Fatih die Aufgabe gestellt, eine fiktive Geschichte mit einem Tief- und Wendepunkt und einem Happy End zu schreiben. Was Fatih produzierte war eine ebenso wüst-wilde wie bizarre Story um einen 26jährigen Zuhälter mit BMW und 50 Nutten. Wütend zur Rede gestellt zu diesem seltsamen Machwerk, zeigte sich, dass für Fatih selbst seine Geschichte die gestellte Aufgabe perfekt erfüllte! Er war nun seinerseits wütend, schon wieder auf Kritik und Ablehnung zu stossen, wo er sich doch genau an die Anweisungen gehalten habe!

Der Pädagoge Ismail erkannte erst jetzt, wie weit entfernt das Selbstbild, und damit die Wünsche und Träume des Jugendlichen von den normalen Bildungsvorstellung sind. Menschen übernehmen, so meint Jean Paul Sartre, ihr Selbstbild weitgehend von der Meinung anderer – Eltern, Erzieher, Lehrer – damit ist das Selbstbild zumindest teilweise auch ein Fremdbild. Jugendliche wie Fatih haben in ihrer Bildungskarriere fast ausschliesslich Kritik, Frustration und Scheitern erlebt – die Aussenwahrnehmung vermittelt ihnen somit ein Selbstbild des erfolglosen Verlierers. Kein Wunder ziehen sie sich in eine Phantasiewelt zurück – der tolle Zuhälter mit BMW –  die ihnen ein positiveres Selbstbild zu erlauben scheint. Der Jugendliche zieht sich zurück in eine Welt (der Freunde, der Gewalt, der Kriminalität) wo er Erfolg und Anerkennung findet: „Wir alle suchen immer nach Anerkennung“.

In der Arbeit mit diesen Jugendlichen geht es deshalb zunächst darum, zu erkennen wo diese wirklich stehen: „Als erstes muss ich wissen, wen ich vor mir habe und wo dieser Mensch tatsächlich steht, um einen pädagogische Beziehung herstellen zu können. Wenn wir mit diesen Menschen sinnvoll arbeiten wollen, müssen wir sie dort abholen, wo sie wirklich sind„. Dies erfordere einigen Mut, da die Realität dieser oft gewaltbereiten Jugendlichen Angst erzeuge. Wir müssen uns trauen zu ihnen hinzugehen.

Ismael weigert sich deshalb, die Rolle eines Animateurs zu spielen, wie es viele Sozialarbeiter tun, der mit seinen Schützlingen Billard spielt und sie damit in ihrer Opferrolle bestätigt. Für seine Arbeit benutzt er die sportliche Herausforderung, da er im Sport ein Abbild unserer Leistungsgesellschaft und ihrer Angst vor dem Scheitern sieht. Das Fundament seiner Arbeit ist die Leitidee, die er vom sowjetischen Pädagogen Anton Makarenko übernommen hat: Förderung durch Forderung. Oder, wie Makarenko formulierte: „Ich fordere dich, weil ich dich achte und ich achte dich, weil ich dich fordere.“ Der Pädagoge muss den Jugendlichen ein Raum der Anerkennung und der Achtung zugestehen, in dem er sie angemessen fordern kann. „Anerkennung aber zeigt sich darin, dass man selbst Macht abgibt “, erklärt Ismail.

Erst durch Achtung an Stelle von Stigmatisierung könne man im Jugendlichen einen Prozess der realistischen Erkenntnis über seine Situation in Gang bringen. Selbstreflexion hält Ismail für den wichtigsten erste Schritt. Denn jede Erziehung ziele letztlich auf Selbstbestimmung. Bildung ist, laut Wilhelm von Humboldt und Immanuel Kant, Erziehung zur Persönlichkeit die fähig ist neue Perspektiven wahrzunehmen. Damit kann das falsche Selbstbild des Versagers in Wanken kommen – worauf es dann die Aufgabe des Pädagogen sei, dem Jugendlichen neue Handlungsfelder aufzuzeigen. „Er muss den Jugendlichen klarmachen, dass sie Berge versetzten können, wenn sie den Willen dazu haben.“

Ibrahim Ismail, der selbst mit 5 Jahren als Flüchtlingskind aus dem Libanon nach Deutschland gekommen ist und einige Jahre in einer Sonderschule sass, bevor ein Lehrer seine Begabung erkannte, geht es darum, stigmatisierte Jugendliche zu befähigen, ihre Probleme selbst zu lösen und an Bildungschancen teilzunehmen. Im Pilotprojekt „Neue Wege“ des Vereins Paidaija gelingt es, gewaltbereite Jugendliche mit dominantem Auftreten in Leaderfiguren für junge Migranten zu wandeln.

Kathrin Meier-Rust