Die Rendite von Spiel, Sport und Dreisatzrechnen

Bildung schafft den grössten Wohlfahrtsgewinn, wenn sie kognitives und nicht-kognitives Lernen als umfassendes Ganzes angeht, sagt Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr.

Fehr_222x148_02_0
Jacobs Foundation: Wie wichtig ist Bildung aus ökonomischer Sicht?
Prof. Ernst Fehr: Sehr wichtig. Wir wissen, dass Bildung stark mit Wohlstand korreliert. Je höher das durchschnittliche Bildungsniveau in einem Land ist, desto höher ist dessen durchschnittliche Wachstumsrate. In entwickelten Volkswirtschaften stellt die frühkindliche Förderung aus gesamtgesellschaftlicher Sicht eine besonders produktive Investition dar – wie unter anderem anhand des «Perry Preschool Projects» in den USA nachgewiesen wurde. Das heisst nicht, dass man Bildung nur unter dem Gesichtspunkt der materiellen Rendite betrachten soll. Es gibt in einem hohen Masse auch eine nicht geldmässige Bildungsrendite, die genauso wichtig ist. Wenn Bildung dazu führt, dass die Leute eine bessere Selbstkontrolle haben, sich besser motivieren können oder gesünder leben, dann hat dies enorme Wohlfahrtskonsequenzen – nicht in einem engen ökonomischen Sinn, sondern direkt für die Menschen, deren Leben sich verbessert.

Ist das unter dem Strich nicht das gleiche: je gescheiter die Leute, desto reicher das Land?
Ich glaube, dass höhere Fähigkeiten tatsächlich mehr Wohlstand verursachen. Aber wenn man „gescheit“ sagt, dann schwingt immer etwas Biologisches mit, etwas Unveränderliches. Doch unveränderlich ist es gerade nicht. Man kann ein Volk „gescheiter“ machen, indem man zum Beispiel mehr in frühkindliche Bildung investiert. Man weiss, dass dies vor allem jenen zugute kommt, die aus sozial und wirtschaftlich schwächeren Elternhäusern kommen.

Sie plädieren als Ökonom also für ein sozialpolitisches Anliegen?
Das ist ein gutes Beispiel, wo Sozialpolitik gesamtgesellschaftlich sehr positive Auswirkungen hat. Häufig wird Sozialpolitik ja nur unter dem Aspekt der Umverteilung gesehen. Aber darum geht es hier nicht. Natürlich handelt es sich auch um eine Ressourcenzuweisung zugunsten jener, die es brauchen. Aber sie hat für die Gesamtgesellschaft sehr positive Auswirkungen. Wenn man in frühkindliche Bildung investiert, vermeidet man spätere sozialpolitische Probleme. Wobei immer sowohl die kognitiven wie die nicht-kognitiven Fähigkeiten zu fördern sind: also alle Fähigkeiten, die den Menschen produktiv machen. Und das ist nicht nur Mathematik oder Deutsch, das ist ebenso Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft, Selbstdisziplin.

Dann müsste man kognitive und nicht-kognitive Kompetenzen eigentlich gar nicht unterschieden?
An sich ist es schon etwas anderes, rechnen zu können, als sich selber disziplinieren zu können. Aber das eine hängt sehr stark mit dem anderen zusammen. Das geht so weit, dass die gemessenen kognitiven Fähigkeiten von den nicht-kognitiven Fähigkeiten beeinflusst werden. Bei einem IQ-Test zum Beispiel schneiden jene Kinder besser ab, die stärker motiviert sind. Kinder dagegen, die sich weniger gut motivieren können, schneiden schlechter ab, obwohl sie vielleicht gar keinen tieferen IQ haben. Kognitive und nicht-kognitive Fähigkeiten lassen sich nie völlig unabhängig voneinander beurteilen.

Was ein Kind neben der Schule lernt, beim Spielen, Sport oder im Musikunterricht, ist für seine Bildung ebenso wichtig wie Dreisatzrechnen?
Richtig. Fast jede Art von sozialer Praxis, auch in der Schule selbst, beeinflusst direkt oder indirekt den Lernerfolg auch bei den kognitiven Fähigkeiten.