Elena Konstantinidis ist Geschäftsführerin des Dachverbandes offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz DOJ und Mitglied der Steuergruppe des Programms.

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Was ist spannend an Bildungslandschaften für den Dachverband offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz DOJ, dessen Geschäftsführerin Sie sind?

Im Programm Bildungslandschaften der Jacobs Foundation steckt für uns ein riesiges Potential, das informelle Lernen sichtbar zu machen. In Freizeitaktivitäten der offenen Kinder- und Jugendarbeit, die Kinder und Jugendliche aus eigenem Engagement heraus mitgestalten, findet ganz nebenher motivierte Aneignung von hard und soft skills, also informelle Bildung, statt. Zum Beispiel lernen Jugendliche, die im Treff zusammen ein Abendessen für 10 Personen kochen, wie man gesunde Nahrungsmittel zubereitet, wie man beim Einkaufen mit dem Budget umgeht und auch unangenehme Arbeiten wie den Abwasch zu teilen. Kinder, die an einem Ferienpassangebot teilnehmen, lernen vielleicht ein Museum kennen oder wie der Bauernhof funktioniert. Die offene Kinder und Jugendarbeit mit ihrer stark sozialräumlichen Perspektive versteht sich schon längst sowohl als Partnerin der Schule wie auch als Anbieterin von Lerngelegenheiten für Kinder und Jugendliche und arbeitet als Fachstelle nicht nur mit Kindern und Jugendlichen sondern auch mit deren Eltern, Schulen, Lehrpersonen, der Kommune selbst, Anwohnern, Nachbarn, Vereinen und so weiter.

Wir erhoffen uns, dass in Bildungslandschaften der Beitrag ausserschulischer Akteure – nicht nur der offenen Kinder- und Jugendarbeit – besser anerkannt wird und echte Kooperationen zwischen der Schule – der formalen Bildung – und dem ausserschulischen Bereich – der informellen und non-formalen Bildung – entwickelt werden.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine ideale Bildungslandschaft?

In einer idealen Bildungslandschaft besucht ein Kind den schulischen Unterricht natürlich wie bisher. Jedes Kind wird angeregt und erhält die Möglichkeit, verschiedene Freizeitaktivitäten zu nutzen. Die Anbieter der Freizeitaktivitäten und die Schule arbeiten phasenweise zusammen. Praktische Fragen werden gelöst, zum Beispiel: Wer transportiert die Junioren nach Schulschluss ins Hockeytraining? Vielleicht lautet die Hausaufgabe : „Berechne drei verschiedene Beispiele für Dreisatz“. Dann kann Velofahrer Kevin verschiedene Verhältnisse von Distanz/Geschwindigkeit herausfinden, und Isabelle im Jugendtreff verschiedene Preisvarianten für den Einkauf von Kiosk-Waren berechnen. Das Flüchtlingskind Mustafa bekommt Lust, in der Bibliothek Bücher auszuleihen. Nicht nur, weil er einmal mit der Klasse dort hin geht, aber auch weil ihm dort der Jugendarbeiter mit den Hausaufgaben hilft. Die Kinder erarbeiten ein kindgerechtes Kompetenzen-Portfolio, das für ihr Zeugnis relevant ist.

Mir scheint es bräuchte nicht viel, um solche Visionen umzusetzen. Tatsächlich sind solche Möglichkeiten schon vielerorts vorhanden. Es braucht den gemeinsamen Willen, zusammen das Beste herauszuholen.

Jugendarbeitende bemängeln, dass ihnen die Türen der Schulen verschlossen bleiben. Was meinen Sie dazu?

Das stellen wir seit Jahren immer wieder fest. „Verschlossen bleiben“ ist dabei natürlich zugespitzt formuliert. Es gibt regelmässig Kooperationen der offenen Kinder- und Jugendarbeit mit der Schule in unterschiedlichen Formen; angefangen dabei, dass Jugendarbeitende in der Schule ihre Angebote vorstellen, über Zusammenarbeit in Projekten bis hin zu Jugendarbeitenden, die Unterrichtsaufträge erhalten wie beispielsweise in der Sexualpädagogik. Aber es ist tatsächlich fast immer so, dass die offene Kinder und Jugendarbeit aktiv wird, dabei oft viel Geduld haben muss und manchmal erfolglos bleibt.

Der Grund dafür ist ganz einfach der: Die Vernetzung mit allen relevanten Akteuren im Gemeinwesen ist ein Kerngeschäft der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Es gehört explizit zu ihrem Auftrag. Die Schule hingegen sei keine Vernetzerin, da das formale Bildungswesen nicht darauf ausgerichtet ist, formulieren Exponentinnen des Schulbereichs sehr deutlich.

Im Programm Bildungslandschaften hören wir oft, dass das Programm sehr schulzentriert sei. Was sagen Sie dazu?

Dies war auch mein ursprünglicher Eindruck des Programms. Dementsprechend kritisch bin ich als Steuergruppenmitglied angetreten. Ich denke jedoch, dass wir nun in der „zweiten Runde“, sehr vielfältige und breiter auf das Gemeinwesen ausgerichtete Projekte bewilligt haben. Es war sicher richtig, in der Startphase des Projekts, über die strategische Ebene in den Kantonen zu gehen. Dabei waren natürlich die Erziehungsdirektionen sehr zentral, aber ich glaube, dass dies auch der Grund ist, warum einige der ersten Projekte eher eigentliche Schulentwicklungs-, und eben nicht Bildungslandschaftsprojekte waren, wie ich es verstehen würde.

Wären Sie als Kind gerne in einer Bildungslandschaft aufgewachsen?

Vielleicht bin ich ja in einer Bildungslandschaft aufgewachsen: Ich wuchs auf einem Quartier auf in Grossbasel-West, das uns als Kindern viele Freizeitmöglichkeiten bot. Neben der Schule war zum Beispiel die Jugendverbandgruppe, die mit der örtlichen Kirchgemeinde (der ich allerdings nicht angehörte) verbunden war, sehr wichtig für mich; später als Jugendliche, zwei Jugendkulturzentren. Zudem nutzten meine Schwester und ich verschiedene Sportvereine und den Unterricht in der Musikschule und liehen uns in der Bibliothek eifrig spannende Bücher aus. Dazu kamen Angebote der Stadt wie Ferienpass und Kinder-Museums-Klub; für uns speziell auch noch der zusätzliche Unterricht in der „Vatersprache“, dem Neugriechischen. Dazu muss man aber wiederum sagen, dass unsere Mutter – meine Eltern hatten eine mehr oder weniger klassische Rollenverteilung – eine wichtige Rolle als Vermittlerin wahrnahm und uns diese Angebote erschloss. Sie meldete an, klärte ab, organisierte Material, zeigte uns den Weg, und motivierte uns zu Aktivitäten, und das war ein laufender Prozess. Für uns als Mittelstands-Familie, die in einer 4-Zimmer-Mietwohnung lebte, waren diese Angebote damals durchaus erschwinglich, da sie von Freiwilligen angeboten oder subventioniert waren.

Diese Chancen haben heute längst nicht alle Kinder. Bei vielen können die Eltern diese aktive Rolle des Erschliessens aus ökonomischen oder sozialen Gründen nicht einnehmen. Leider werden auch Subventionen, beispielsweise an Kulturvermittlungsangebote wie Musikschulen, Biblio- und Ludotheken, zunehmend gekürzt. Deshalb ist es mir so ein grosses Anliegen, dass das Programm eine breite Vernetzung von vorhandenen Angeboten fördert und unterstützt.