Alles Bildung oder was?

Die Fachtagung der Jacobs Foundation vom 25. Januar 2013 zog über 200 Fachleute aus Bildung und Forschung zum Thema Bildungslandschaft an. Nach einer Einführung ins Thema (Sandro Giuliani, Tanja Ogay, Fabienne Vocat) referierten vier wissenschaftliche Experteninnen zur Frage des Lernens von Kindern (Claudia Roebers), zum ökonomischen Nutzen von Frühförderung (Daniel Schunk) und zur Problematik der Zusammenarbeit aus der Perspektive der Politikwissenschaft (Fabrice Plomb) sowie des Bildungsmanagements (Stephan Huber). In vier Praxisseminaren tauschten sich Experten und Mitarbeitende in Bildungslandschaften über die konkrete Praxis und ihre Erfahrungen aus. Regierungsrätin Isabelle Chassot schloss die Tagung mit einer souveränen Einordnung der Bildungslandschaften in den Bildungsraum Schweiz und in die herausfordernde Arbeit an der Chancengerechtigkeit ab.

 

 

 

Fachtagung

«Alles Bildung oder was? Von der Kooperation zur Bildungslandschaft» – so heisst die Fachtagung, zu der die Jacobs Foundation am 25. Januar 2013 in der Universität Freiburg i.Ü. über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland und aus der ganzen Schweiz begrüsste. Wie Sandro Giuliani, Geschäftsführer der Jacobs Foundation, einleitend darstellt, widmet sich die Stiftung neben der Forschungs- und Projektförderung sowie dem Wissensaustausch zunehmend auch eigenen Praxisprojekten zur Förderung der ganzheitlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Zurzeit ist die Stiftung in diesem Sinne in drei Programmen engagiert: bei der Entwicklung eines Qualitätslabels für Kinderkrippen, bei der lokalen Vernetzung von Angeboten zur frühen Förderung und schliesslich in der Entwicklung von lokalen Bildungslandschaften in der Schweiz.

Links zu den Referaten Claudia Roebers, Entwicklungspsychologie Fabrice Plomb, Soziologie Stephan Huber, Bildungsmanagement Daniel Schunk, Ökonomie Praxisseminare

Die Jacobs Foundation unterstützt bereits seit 2007 den Aufbau von lokalen Bildungslandschaften in Deutschland. Aufgrund der positiven Erfahrungen sollte das Konzept auch in der Schweiz erprobt werden; für eine erste Phase stellte der Stiftungsrat 2011 dafür rund vier Millionen Franken zur Verfügung. Zurzeit entstehen in den Kantonen Basel-Stadt, Freiburg und Zürich je drei lokale Bildungslandschaften. Mit dieser Fachtagung will die Stiftung das Thema über die direkten Projektbeteiligten hinaus in der breiten Fachöffentlichkeit lancieren. Fällt das Ergebnis der externen Zwischenevaluation positiv aus und besteht eine Nachfrage nach dem Programm, könnte es ab 2014 auf fünf weitere Kantone erweitert werden.

Zu lange sei die Schule eine abgeschlossene Welt für sich gewesen, erinnert sich Tanya Ogay, Professorin für Bildungsanthropologie an der Université de Fribourg. Inzwischen werde zwar daran gearbeitet, die Kontakte zwischen Schule und Familie sowie zwischen Lehrpersonen und Eltern zu verbessern. Angesichts der Erwartungen und Sorgen von Eltern um die Schullaufbahn ihres Kindes bleibe dies jedoch oft eine schwierige Aufgabe. Denn so wünschenswert eine bessere alltägliche Kommunikation wäre, so schwierig sei es für Lehrpersonen, die Zeit für diese Kommunikation zu finden. Tanya Ogay hofft, dass mit dem Konzept der Bildungslandschaft hier neue Lösungen gefunden werden können.

Was ist eine Bildungslandschaft? Fabienne Vocat, Projektleiterin Bildungslandschaften der Jacobs Foundation, führt mit grosser Kenntnis in dieses Thema ein. Kinder lernen bekanntlich nicht nur in der Schule, Kinder und Jugendliche lernen überall: in der Familie, in der Krippe und bei der Tagesmutter, auf dem Spielplatz, bei den Grosseltern, in den Ferien, im Tram, in der Pfadi, auf dem Fussballfeld und im Ballet, im Wald, und manchmal sogar vor dem Fernseher. Sie zirkulieren dabei zwischen verschiedensten «Bildungsinseln» wie Kindergarten und Schule, Musikschule und Sportverein, Mittagstisch und Freizeitaktivitäten und sind an verschiedensten Orten mit verschiedensten Erwachsenen im Kontakt.

In einer Bildungslandschaft geht es darum, diese Inseln zu einer Landschaft zu verbinden. Weil Bildung nach heutigem Verständnis nicht nur formal-kognitives Wissen, sondern auch den gesamten grossen Lernstoff des Lebens beinhaltet, gilt es, Kindern und Jugendlichen eine gleichberechtige Chance in allen Bereichen des Lernens zu bieten. Eine Bildungslandschaft umfasst deshalb die formale Bildung (Kindergarten, Schule) ebenso wie die non-formale (Sportverein, Musikschule) und die informelle (Familie, Alltag, soziale Gruppe, Freizeit).

Fabienne Vocat definiert die Bildungslandschaft über folgende spezifische Merkmale: Im Zentrum steht immer das Kind mit seinen Bedürfnissen. Alle Lernorte des Kindes, ob formal, non-formal oder informell, sind vernetzt, und zwar nicht nur sternförmig über das Kind in der Mitte, sondern auch direkt untereinander. Alle Akteure haben ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame pädagogische Haltung. Eine Bildungslandschaft ist deshalb immer lokal, sie soll von der Politik mitgetragen werden und sie soll auf Dauer angelegt sein. Nur wenn alle diese Bedingungen erfüllt sind, so die Expertin, kann eine Bildungslandschaft zu dem Ort werden, an dem schulisches, soziales und emotionales Lernen und Bilden stattfindet.

Referate

Anschliessend berichten vier Referenten aus ihren Spezialgebieten zu einzelnen Fragestellungen, die für Bildungslandschaften von besonderer Relevanz sind:

Wie, wann und wo lernen Kinder und Jugendliche?
Claudia Roebers, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern

Was sind die Möglichkeiten und Grenzen der lokalen Kooperation?
Fabrice Plomb, Sozialwissenschaftler der Universität Freiburg

Was weiss die empirische Bildungsforschung über den Nutzen von Bildungslandschaften?
Stephan Huber, Leiter des Institut für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie an der pädagogischen Hochschule Zug

Was ist die Rolle nicht-kognitiver Fähigkeiten aus ökonomischer Perspektive?
Daniel Schunk, Professor für Wirtschaftswissenschaft an den Universitäten Mainz und Zürich

In vier moderierten Praxisseminaren berichten Initiatoren und Mitarbeitende von Bildungslandschaften aus dem In- und Ausland über ihre konkreten Erfahrungen in der Praxis und diskutieren die entsprechenden Erkenntnisse und Probleme.

Isabelle Chassot, Regierungsrätin des Kantons Freiburg und Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz EDK, beschliesst die Tagung, indem sie das Projekt Bildungslandschaft auf den Bildungsraum Schweiz bezieht. Der Begriff des Bildungsraums hat mit der Revision der Bildungsverfassung von 2006 auch in die Bundesverfassung Einzug gehalten (Artikel 61a). Dieser rechtlich noch ungewohnte Begriff des Raumes sei keineswegs nur als abstrakter Euphemismus gemeint. Im Vergleich mit gängigen Begriffen wie «Bildungssystem» oder «Bildungswesen» eröffne das Wort vom Bildungsraum nämlich mit Bedacht alle Dimensionen: neben der vertikalen Zusammenarbeit auch die horizontale, neben der formalen Bildung auch die non-formale, neben dem formellen auch das informelle Lernen, neben öffentlichen auch private Anbieter. Gemeint sei ein offener, vieldimensionaler «Raum des Lernens», in dem der Staat für Qualität und für Durchlässigkeit zu sorgen habe.

In diesen grossen Bildungsraum möchte Isabelle Chassot die entstehenden Bildungslandschaften stellen. Anstösse dafür, die verschiedenen Bildungsorte besser zu verknüpfen, gebe es genug: Der in der Schweiz nach wie vor hohe Einfluss des sozioökonomischen Hintergrundes auf die Bildungsbiografie eines Kindes – Chassot spricht von einer beharrlichen «Equity-Problematik» – ebenso wie die entscheidende Bedeutung der vorschulischen Förderung. Zentral ist auch das Problem der Übergänge – in die Schule, zwischen den Schulstufen, in die Berufsausbildung – ebenso wie die Erkenntnis, dass auch ausserschulische Komponenten für das Gelingen einer schulischen und beruflichen Laufbahn entscheidend sein können.

Mit grosser Neugier verfolgt Isabelle Chassot deshalb die Pilotprojekte der Bildungslandschaften im Kanton Freiburg und erwartet mit Ungeduld die ersten Resultate: «Ich bin überzeugt, dass wir damit dazu beitragen, dass Ideal der Chancengerechtigkeit für alle zu realisieren.»